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07. August 2017
Murnau stellt sich seiner NS-Vergangenheit. © Florian Werner

Markt stellt sich NS-Vergangenheit

Die Vergangenheit aufzuarbeiten – insbesondere die des Nationalsozialismus – kann schwer und schmerzlich sein. Der Markt Murnau a. Staffelsee macht gerade diese Erfahrung. Der Arbeitskreis „Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau" beriet am vergangenen Dienstag, 1. August 2017, über den Umgang mit Ehrenbürger*innen und Inhaber*innen der Bürgermedaille mit möglicher NS-Vergangenheit.

Das Ergebnis: Er schlägt dem Marktgemeinderat vor, die Biografien von Murnaus Würdenträger*innen, die vor 1930 geboren wurden, mittels eines historischen Gutachtens im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsauftrags zu prüfen. Anschließend werden mit Hilfe eines Kriterienkatalogs die Ergebnisse bewertet. Die Kriterien für eine mögliche Aberkennung des Titels „Ehrenbürger*in" bzw. der Bürgermedaille müssen eindeutig und transparent sein und werden im Zuge des Prüfungsauftrages erarbeitet.

Eine weitere Empfehlung des Arbeitskreises bezog sich auf den konkreten Fall Lorenz Sonderer, dem Inhaber der Bürgermedaille (1959): Ihm sollte die Ehrung aberkannt werden. Denn die wissenschaftliche Arbeit des österreichischen Historikers Konstantin Ferihumer „Der Fall Sonderer. Eine vergangenheitspolitische Kurzbiografie" (2017) kommt zu dem Ergebnis: Lorenz Sonderer war maßgeblich an einer Massenhinrichtung im Zuchthaus Stein (Krems an der Donau, Niederösterreich) im April 1945 beteiligt. Bei dieser Tat wurden über 200 Menschen ermordet.

„Es ist unsere Pflicht, sorgsam mit den Biografien unserer Würdenträger*innen umzugehen. Viele haben sich um unsere Gemeinde verdient gemacht", betont Erster Bürgermeister Rolf Beuting. „Nichtsdestotrotz lernen wir in diesem Prozess, auch geschätzte und beliebte Mitbürgerinnen und Mitbürger können an schwersten Verbrechen in der Zeit von 1933 bis 1945 beteiligt gewesen sein. Eine Aberkennung der Ehrung wäre daher die logische Folge. Doch es gilt, mit fundierten Argumenten zu überzeugen und Menschen nicht vorzuverurteilen. Mir ist ebenfalls wichtig zu betonen, dass die Nachfahren und Angehörigen keine Schuld trifft."

Der Marktgemeinderat tritt nach der Sommerpause wieder im September zusammen und wird die Empfehlung des Arbeitskreises „Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau" beraten. Letzterer setzt sich aus Mitgliedern des Gemeinderates, einer Repräsentantin des Werdenfelser Bündnisses und Vertreter*innen der Verwaltung zusammen.

Die wissenschaftliche Arbeit „Der Fall Sonderer. Eine vergangenheitspolitische Kurzbiografie" von Konstantin Ferihumer, veröffentlicht in der durch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) und der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz (FStN) in Auftrag gegebenen Festschrift für Winfried R. Garscha „Zeithistoriker, Archivar, Aufklärer" (2017), wird in den kommenden Wochen auf der Website des DÖW (www.doew.at) abrufbar sein.

Kontakt

Markt Murnau a. Staffelsee
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